Nekrotisierende Fasciitis – eine lebensgefährliche Weichteilinfektion
47-jähriger Markdorfer erzählt seine Patientengeschichte, um andere zu sensibilisieren
„So lange der Arm dran bleibt, ist alles gut.“ – „Herr Cassano, es geht um viel mehr als Ihren Arm!“ Mit zwei Monaten Abstand zu diesem Dialog zwischen dem Patienten Ignazio Cassano und einem Plastischen Chirurgen der BG Klinik Tübingen sieht die Welt für den Patienten nach diesem „megaschlechten Traum“ wieder wesentlich freundlicher aus.
Sein Arm und sein Leben konnten gerettet werden. Der 47-Jährige zollt den beteiligten Ärzten im Klinikum Friedrichshafen und in der BG Klinik höchsten Dank und Respekt. Noch sei seine „lange Reise“, die Anfang Februar begann nicht zu Ende, aber der gelernte Industriemechaniker und Wirtschaftsingenieur ist motiviert und optimistisch unterwegs. Was ist passiert?
Nur ein wenig angestoßen
An einem Dienstagabend Anfang Februar zog Ignazio Cassano sich an, um mit einem Freund essen zu gehen. „Ich bin mit der rechten Hand an den Schuhschrank gestoßen, es hat nicht einmal geblutet, aber ich habe mir nichts weiter gedacht. So etwas passiert ja mal“, erinnert sich der Rechtshänder. Nachts wachte Ignazio Cassano auf, weil er Schmerzen am Handgelenk hatte und „eine Schwellung so groß wie eine Macadamia-Nuss“, drei Stunden später hatte er Schüttelfrost und die Schwellung war angewachsen. Am frühen Morgen machte er sich auf ins Klinikum Friedrichshafen, weil „ich gefühlt habe, dass da was ist“, erzählt der bis dahin selten kranke und sportlich fitte Markdorfer und erklärt, warum er seine Geschichte öffentlich macht: „Wenn dieser Artikel auch nur eine einzige Person dazu bringt, früher zum Arzt zu gehen und dort oder in einer Notaufnahme hartnäckig zu bleiben, dann war es diese Veröffentlichung wert. Niemand sollte das durchmachen müssen, was ich erlebt habe.“
Notfall
Die ersten Laborwerte gaben keinen Anlass für eine Intervention, aber wegen der Schwellung wurde der Patient anschließend zum Plastischen- und Handchirurgen Dr. Michael Ruggaber im benachbarten Ärztehaus geschickt. „Er hat gleich den Ernst der Lage erkannt, inzwischen hatte ich auch Fieber und die Schwellung breitete sich über den ganzen Unterarm aus“, erinnert sich Cassano. Er wurde dann direkt stationär aufgenommen und da die Schwellung immer stärker wurde, sagte Dr. Ruggaber am späten Nachmittag: „Ich muss mit Ihnen in den OP und mir die Hand dort anschauen“.
Operationen
Anschließend lag Ignazio Cassano auf dem OP-Tisch und der erfahrene Chefarzt der Plastischen-, Ästhetischen und Handchirurgie sah, was sich schon angedeutet hatte: „Das Gewebe war stark verändert und in der Schicht über den Muskeln eine glasige Schicht. Es fand sich kein Eiter aber massiv Flüssigkeit.“ Es wurden Proben entnommen und nach einem Erreger durch einen Abstrich gesucht. Es lag der hochgradige Verdacht einer nekrotisierenden Fasciitis vor, einer Erkrankung, die bis zu 30 Prozent der Patienten nicht überlebt.
Nach dem Eingriff kam der Patient auf die Intensivstation zur engmaschigen Beobachtung und der bereits gezielten antibiotischen Therapie. Am nächsten Morgen wurde er erneut operiert. Da seine Blutwerte rasant schlechter wurden, die Blutvergiftung immer weiter voranschritt, wurde alles für die Verlegung mit dem Rettungshubschrauber in die BG Klinik Tübingen vorbereitet. „Bei diesem Krankheitsbild ist die Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum absolut sinnvoll“, so Dr. Ruggaber. Dort kann bei solchen Fällen eine bessere Infrastruktur, wie zum Beispiel eine Sauerstoffunterdruckkammer, genutzt werden als in einem peripheren Krankenhaus. Der wichtigste Faktor ist aber, das Krankheitsbild zu erkennen und dann schnell zu handeln. Oft verstreichen lebensrettende Stunden, weil die Notfallsituation nicht richtig eingeschätzt wird“, erklärt der versierte Handchirurg. Wichtige Zeit verstrich bis zur Verlegung, weil der Hubschrauber wegen Nebel zuerst nicht starten konnte.
Schwere Blutvergiftung
„Sofort operieren und alles wegschneiden, was entzündet ist“, entschieden die Tübinger Chirurgen und Ignazio Cassano sagte „So lange der Arm dran bleibt…“.
Seine schwere lebensbedrohende Blutvergiftung rührte von Streptokokken auf seiner Haut, die in die kleine Wunde eingedrungen waren und jede Menge Gift produzierten.
Fast vier Wochen blieb der Patient in der BG Klinik und wurde dort knapp eine Woche nach dem kleinen Anstoßen am Schuhschrank erneut operiert: sieben Stunden und von vier Chirurgen, um seinen Unterarm zu rekonstruieren. „Ich war mein eigenes Ersatzteillager“, schmunzelt Cassano leise. Von der linken Achsel bis zur Hüfte wurde Muskelgewebe und vom Oberschenkel Hautgewebe entnommen, um den Unterarm wiederherzustellen. Eine aufwändige Operation, aber mit dem Heilungsergebnis sind heute alle zufrieden.
Im Spätsommer steht eine weitere Operation an, bis dahin trainiert und kräftigt Ignazio Cassano mit Unterstützung von Therapeuten seine Hand. „Ich kann schon wieder alle beugen“, sagt er und wackelt mit allen fünf Fingern und sagt nachdenklich wie nebenbei „Hej, um ein Haar…“ .
Hervorragend vernetzte medizinische Versorgung
Nach Ansicht von Dr. Ruggaber haben die Plastischen Chirurgen in Tübingen „wirklich erstklassige Arbeit geleistet“. Das Leben des Patienten wurde gerettet und dessen Arm optimal wiederhergestellt. „Herr Cassano ist das lebende Beispiel dafür, wenn die Verzahnung der Kliniken optimal funktioniert“, so der Häfler Chefarzt.
Die Mortalität bei einer solchen Diagnose und einem solchen Entzündungsverlauf ist hoch, viele Menschen sterben daran schnell. „Ich hatte das große Glück im richtigen Moment auf den richtigen Arzt zu treffen“, weiß Ignazio Cassano und ergänzt dankbar „Doktor Ruggaber ist ein Supertyp“.